„Die Macht muss zurück in die Hände der Eltern, Lehrer und Kinder“: Interview mit dem Bildungsrevoluzzer Ricardo Leppe

„Ich will die Dezentralisierung der Bildungsmacht haben: Das ist mein oberstes Ziel. Jeder soll entscheiden können. Ich will, dass nicht ein Sesselfurzer da oben über Millionen Kinder entscheiden kann, der meistens selber keine hat, und auch nie eine Schule besucht hat. Das ist Schwachsinn“: Ricardo Leppe hat nicht weniger als eine Revolution des Bildungssystems vor.

 

Wien, 20. September 2021 | Ricardo Leppe war lange Jahre Zauberer, bevor er die Bewegung „Schule der Zukunft“ im deutschsprachigen Raum ins Leben rief. Der 30-Jährige erzählt, wie er das Bildungssystem auf komplett neue Beine stellt – und wie ihm eine „Armee von Müttern“ dabei hilft.

Larissa Breitenegger: Du tourst gerade durch Österreich und hältst Vorträge über Dein Modell der „Schule der Zukunft“. Bis vor ein paar Jahren warst Du noch Zauberer – und das sehr erfolgreich, auch fürs Geldbörsl. Für Deine Tätigkeit jetzt erhältst Du kein Honorar – bist aber umso überzeugter bei der Sache.

Ricardo Leppe: Also, Milliardär werde ich davon nicht. Aber darum geht es halt jetzt nicht mehr: Ich war so viel in Schulen unterwegs und habe so viele Dinge gesehen – das ist schwierig, das zu ignorieren.

LB: Was fällt Dir da schwer zu ignorieren?

RL: Dass die Schule grundsätzlich zu 180 Grad gegen den Menschen ausgerichtet ist. Wenn man in alte Schulstatuten schaut, steht da auch, die Schule ist die Macht, um Kinder zu brechen. Das ist auch so, wenn wir uns unser Schulsystem anschauen:

Das Kind hat gerade gelernt, zu laufen und zu springen und auf einmal heißt es, setz Dich ruhig hin. Wenn Du das nicht kannst, hast Du ADHS und brauchst Ritalin. In dem Alter, wo das Kind die meiste Bewegung bräuchte. Es gibt keinen einzigen Ort auf diesem Planeten, wo man nicht, wenn einem der Arsch schon sauer wird, aufstehen kann und sich bewegen – selbst im Gefängnis darf man das.

Dann haben sie gerade gelernt, zu sprechen und zu singen, auf einmal heißt’s: Sei still. Dann haben sie gelernt, eigene Wege zu gehen, Dinge zu hinterfragen, ausprobieren zu dürfen, und auf einmal heißt es „sprich mir nach, dann wirst Du belohnt“. Wenn Du eigene Wege gehst, wirst Du bestraft. Das bricht die natürlich, das sehen wir ja.

LB: Auf Deiner Tour durch Schulen legst Du auch besonders Wert darauf, mit den SchülerInnen direkt ins Gespräch zu kommen: Du hast mit 10.000en Schülern gesprochen und sie gefragt, wie sie lernen wollen. Was sind die zentralen Punkte, die die SchülerInnen da kritisieren?

RL: Die Schüler haben mir zwei Grund-Dinge gesagt: Sie haben gesagt, sie wollen mit Spaß lernen und Dinge, die man im Leben brauchen kann, und die stimmen. Da denk ich mir – Kacke, wo sind wir, dass wir diese grundlegenden Punkte, dass es Spaß machen soll und sinnvoll sein soll fürs Leben, nicht erfüllen? Ich hab alles erlebt: zig Schüler, die mir erzählt haben „ich bin auf Drogen, ich bin auf Psychopharmaka, ich kann nicht mehr schlafen, ich halt’s nicht mehr aus, ich hab Selbstmordgedanken“ – und zwar richtig, richtig häufig. Ich hab natürlich auch andere, die dann nach den Vorträgen kommen und sagen „Ich bin ja ein Genie! Es hat mir nur nie jemand gezeigt, dass ich eines bin! Ich hab nicht gewusst, wie mein Hirn funktioniert, das hat mir ja nie wer gezeigt“.

Die erzählen ihnen ja nur, was man lernen muss, aber nicht, wie man lernen muss. Und die Genie-Kinder bei Wetten, dass…? – das sind keine Genie-Kinder, die haben einfach nur gewusst, wie’s geht. Und mehr mach ich ja auch nicht.

Ich zeige ihnen einfach nur ein paar Grund-Dinge, wie das Hirn funktioniert.

LB: Du sagst, es kommt fast ausschließlich auf die Methode an, ob wir erfolgreich lernen können oder nicht. Dabei hast Du Dich weltweit nach Lernmethoden umgeschaut und bist beispielsweise in Indien fündig geworden.

RL: Ich hab geschaut, warum gewinnen die Inder die ganzen Mathe-Olympiaden und nicht wir? Man muss ja nichts neu erfinden. Ich habe manches ein bisschen auf die Schüler adaptiert und ein bisschen angepasst auf Österreich, mehr habe ich nicht gemacht. Ich bin einfach nur rausgegangen und habe es umgesetzt.

LB: Der hilfreiche Blick über den Tellerrand…

RL: Wenn mir irgendwer erzählen will, dass die letzten 3000 Jahre kein deutschsprachiger Mathelehrer in eine indische Schule hineingestolpert ist, dann wird das schwierig zu argumentierten – vor allem in Internet-Zeiten. Da könnte man ja mal nachschauen.

Beim Fußball machen wir das ja auch: Warum gewinnen die Brasilianer die Fußball-Wettbewerbe, da wird geschaut: Die trainieren anders, oder bei der Automobilindustrie wird weltweit überall auf die Konkurrenz geschaut, was machen die besser oder anders – nur in der Schule nicht. In anderen Ländern schon, aber bei uns nicht.

LB: Du erzählst in Deinen Interviews immer wieder davon, dass Deine Eltern Dich nur 30 Minuten pro Woche unterrichtet haben – das klingt ja fast provokativ.

RL: Es gibt Schulen auf dem Planeten, die haben ein Jahr Unterricht, und dann haben die maturiert.

Was man sich da Zeit ersparen kann! Der wichtigste Punkt ist der: Die Schüler lernen mit Druck und mit Angst. Und wenn Druck und Angst herrscht, dann funktioniert das Hirn nicht. Wenn ich nur diesen Angst-Punkt wegschaffe vom Hirn, bin ich ums x-fache schneller.

Das ist mein Hauptgeheimnis, das ich habe: Ich nehme ihnen den Druck ich nehme ihnen die Angst, mach das dann spielerisch mit ein paar Lernmethoden. Mehr ist es nicht: Es sind einfach nur die absoluten Basics, die ich mache.

LB: Du  nennst es Basics, und es ist ja bereits wissenschaftlich mehrfach belegt – beispielsweise dass Lernen nur gut ohne Druck und Angst funktioniert, oder besser über Emotionen und Spaß funktioniert – für viele sind das aber immer noch Neuigkeiten.

RL: Ich war vor 20.000 Lehrern und habe Vorträge und Fortbildungen gehalten. Es haben drei davon gewusst, wie das funktioniert. Es waren Schuldirektoren dabei die haben gesagt, das haben sie noch nie gehört. Einer meiner besten Freunde ist selber Lehrer, ich habe viele Lehrer in meinem Umfeld, die haben sowas noch nie gehört in der Ausbildung. Es heißt ja auch Ausbildung: Aus mit der Bildung. Sie bräuchten gar keine Ausbildung in Wirklichkeit.

Die Basis ist: Liebst Du Kinder und kannst Du Begeisterung weitergeben? Wenn Du diese zwei Punkte erfüllst, dann gibts nur noch zwei weitere: Der eine ist, hast Du ein paar Lerntechniken drauf, weil das hilft zusätzlich, und der wichtigste ist, ich stell Dich jetzt vor die Kinder: Und wenn die Kinder Dich gut finden, dann bist Du dabei.

Weil, die müssen mit Dir das nächste Jahr verbringen. Und wir wissen aus x-Studien, dass die Nr. 1 beim Lernen nicht die Technik, nicht sonst irgendwas ist, sondern: Wie sehr vertraue ich diesem Menschen, der da vorne steht. Als Mensch, als Fachkompetenz, und dass ich mit dem gern Zeit verbringe. Darauf wird aber nicht geschaut.

LB: Auch manche engagierte LehrerInnen zerbrechen am Schulsystem oder schmeißen es relativ bald wieder.

RL: Ich bekomme täglich Bewerbungen von Lehrern und Schuldirektoren, „bitte wir wollen aussteigen, können wir mitmachen“. Aber sie kennen es nicht anders. Das ist das Hauptproblem, warum sie nichts tun. Deswegen bin ich unterwegs und zeig‘s her, ich hab keine Alternative, was bringts wenn ich gegen was schimpf und nicht zeig, wie es anders ginge.

LB: Hast Du auch über die politische Schiene probiert, Dein Modell und Deine Ideen anzubringen? Dort hätte das ganze ja noch mehr Effekt?

RL: Klar, ich hab das auch im Bildungsministerium versucht – aber es ist alles abgelehnt worden. In Oberösterreich war ich beim obersten Bildungsdirektor, der ist nach fünf Minuten aufgehüpft: „Das ist Betrug, das ist Scharlatanerie, es gibt kein besseres Lernen als unseres, schon gar kein schnelleres“ – und hat mich rausgeschmissen, ohne dass er mich ihm zeigen lassen hätte können, wie es geht.

LB: Du scheinst zu polarisieren.

RL: Ja, das Hauptproblem sind die Lehrer. Ein Drittel umarmt mich und sagt „endlich!“, ein Drittel ignoriert mich und ein Drittel will mich umbringen. Was ich von letzteren höre, ist „du bist zu jung, du hast nicht studiert, du hast keinen Titel, das ist nicht auf der Uni gelehrt worden, das war schon immer so, das haben wir noch nie gemacht.“ – das hat aber alles mit einem Argument nichts zu tun. Wenn mir einer erklärt, wie das 1×1 schneller ginge, bin ich der erste der zuhört und sag – erklärs mir, dann erklär ich es den anderen. Aber „Du bist zu jung“ – was ist das für ein Argument?

Ich habe das mit über 100.000 Schülern probiert aus allen Altersklassen, vom Kindergarten bis zur Medizin-Universität. Das reicht mir als Referenz. Ich hab eine Kiste voll mit handgeschriebenen Briefen von Kindern, die sich bedankt haben. Das reicht als Referenz, da brauch ich kein Studium machen.

Die Kinder und die Lehrer, die Eltern und die Direktoren vor allem auch, die rennen mir die Türen ein. Ich muss 90 Prozent der Anfragen absagen. Deshalb hab ich letztes Jahr angefangen, das alles zu digitalisieren und hab gesagt: Leute, ihr müsst das selber machen.

LB: Das ist auch die Frage die ich mir stelle: wenn Du Eltern oder Lehrer mit dem komplett neuen System konfrontierst, oder auch SchülerInnen, die haben das alles ja nie gelernt.

RL: Deshalb zeig ich ja fertige Lernvideos, fertig vorbereitet, mit Unterlagen, mit allem. Du brauchst nicht drei oder vier Jahre studieren vorher für diese Techniken.

Ich hab Lehrer gehabt, die sind aufgestanden und haben gesagt: „Bei uns hat Lernen schon nicht Spaß gemacht, warum sollen’s die besser haben?“ – ganz ehrlich, einer der sowas sagt und dann jeden Tag vor Kindern steht, der gehört aus dem Fenster hinausgeschmissen. Der soll Buchhalter, Tischlerin, Landwirt oder irgendwas, wo er glücklich wird werden, aber – ja, da sieht man sehr genau: Wer arbeitet für Geld oder fürs System, und wer ist wirklich für die Kinder da.

Das siehst Du jetzt in den letzten Monaten wirklich ganz genau: „Schieb dir das Staberl noch weiter rauf, bis es blutet, es muss weh tun“. Oder eben die Lehrer, die sich jetzt wirklich um die Kinder kümmern. Jetzt fällt den Eltern auf, was in den Schulen passiert. Wenn ein 8-Jähriges Kind von der Schule heimkommt und sagt ich mag nicht mehr leben, dann musst Dir mal überlegen was in der Schule abgeht.

Die einzigen Triagen die wir wirklich haben, sind in der Kinderpsychiatrie – und dort haben wirs aber ganz dick. Was ich an Emails bekomme – wenn da nur 10 Prozent davon stimmt, dann brennts – und zwar so sehr, das kann man sich nicht vorstellen. Das kommt jetzt hoch.

Was hat sich in den letzten 100 Jahren geändert in der Schule? Wir haben keinen Rohrstab mehr, dafür haben wir einen Beamer. Aber schau Dir die Schulgebäude, den Frontalunterricht an – das ist alles gleich, das hat sich nie geändert.

Die Schule ist ein reines Verblödungssystem. Das Kind ist vor der Schule 100 Mal kreativer, intelligenter, lernbegeisterter, und co – das zeigt auch die ABC-Studie: 99,8 Prozent der Kinder sind vor der Schule höchstbegabt in allen Kategorien, von Mathe bis Deutsch. Nach der Volksschule sinds noch vier Prozent, nach der Oberstufe sinds noch 0,2 Prozent und nach der Uni bist Du im Promille-Bereich. Was sagt das?

Alle großen Köpfe die ich kenne, ob es ein Einstein, ein Tesla oder sonstiges ist, haben gesagt: gehts dort niemals hin. Die Schule und Uni ist ein Verblödungsinstitut, das hat beispielsweise Tesla immer gesagt.

LB: Wenn es jetzt eine Schule oder Lerngruppen gibt die Deine Techniken anwenden – wie kann man sich das vorstellen, wie schaut das dann aus? Wenn ich mir vorstelle: Kinder, jeder, lernt ganz viel auch durch Nachahmung. Es braucht schon auch irgendwie Rolemodels oder Menschen, die eben etwas herzeigen oder vorzeigen können.

RL: Genau. Aber das muss ja kein Lehrer sein, das kann der Tischler sein usw. – zum Beispiel die eine Schule im Wiener Raum, dort dürfen die Kinder selber entscheiden wann sie in der Früh starten, dann machen sie einen 90 Minuten Block Lernen, dann eine Stunde Pause und dann kommt Bewusstsein über Deinen Körper und alle anderen Dinge dran.

LB: Ja aber wer bringt ihnen das bei?

RL: In dem Fall sind das zwei Mütter und ein Lehrer.

LB: Wir haben gesellschaftlich gesehen das alle nicht wirklich gelernt – den eigenen Körper kennenlernen, die soziale Komponente usw. – wie sollen Erwachsene, QuereinsteigerInnen, das den Kindern beibringen?

RL: Ja, da dürfen die Erwachsenen auch an sich selber lernen. Das Schwierigere ist es, das den Erwachsenen beizubringen, nicht den Kindern. Da gehts um Bewusstseinsentwicklung, um Persönlichkeitsbildung.

LB: Darauf wollte ich hinaus – eigentlich braucht es die Bildung bei Deinem Modell vor allem mal bei den Erwachsenen.

RL: Genau. Deswegen arbeite ich auch mit denen. Man muss bewusst machen, dass es anderes ginge, und dass sie überall anfangen dürfen, anders zu denken. Das ist ein Prozess – das ist nicht morgen abgeschlossen. Schritt für Schritt: Man muss ja nicht morgen alles machen. Es gibt ja die Vorgabe nicht.

Es ist: bemüh dich, und wir müssen in ein System kommen, das sich dauernd hinterfrägt, wachsen und besser werden will. Die Schule wird ja derzeit nicht besser, die wächst ja nicht. Was sind denn die tollen Neuerungen vom Faßmann? Neue Mittelschule, und jetzt ist die Neuerung, dass das „Neue“ wegkommt, weil es ist nicht mehr neu.

Die Schule muss ein wachsendes System werden, und da darf jeder in seinem Umfang wachsen. Es geht um Wachstum, und das nicht im wirtschaftlichen Sinne sondern im Persönlichkeitssinn. Wir brauchen jetzt mal diejenigen, die sich trauen, dieses Vorbild zu schaffen und das dann für andere verkörpern. Das ist wie im Sport: Es hat geheißen, es ist unmöglich 100 Meter unter 10 Sekunden zu laufen – bis es der erste geschafft hat, und dann haben es im nächsten Jahr auf einmal viele geschafft.

Ich will die Dezentralisierung der Bildungsmacht haben: Das ist mein oberstes Ziel. Jeder soll entscheiden können. Ich will, dass nicht ein Sesselfurzer da oben über Millionen Kinder entscheiden kann, der meistens selber keine hat, und auch nie eine Schule besucht hat. Das ist Schwachsinn. Diese Macht muss zurück in die Hände der Eltern, in die Hände der Lehrer, die sich wirklich um die Kinder bemühen, und in die Hände der Kinder.

Dort muss diese Bildungsmacht zurück, die Dezentralisierung von dem Ganzen. Und dann soll jeder frei entscheiden können. Ich bin der letzte, der was dagegen sagt, wenn jemand sein Kind ins normale Schulsystem stecken will. Ich habe auch nichts gegen rauchen, impfen, Masken und sonstiges. Soll jeder machen – ich möchte nur für mich frei entscheiden können, was ich mach‘. Und ich habe auch nichts gegen das Schulsystem – ich möchte nur frei entscheiden können, ob ich das annehme oder nicht.

LB: Wenn da immer mehr Eltern, Lehrer, SchülerInnen nach Deinen Methoden lehren, lernen und leben – wohin führt das? Was kommt raus dabei?

RL: Das kann ich nicht sagen, das ist auch nicht in meinem Ermessen. Aber es wird jedenfalls viel Kinderleid, und viel sonstiges beendet, und diese gebrochenen Kinder, die glauben sie sind blöd und sind keine Sprachentalente und so weiter, das fällt weg. Die werden dann so wie ich hören: „Du kannst, du bist, du wirst, du weißt“ – und mit ein bisschen Methodik kannst du alles Erlernen und alles werden.

So viele Schüler haben so tolle Ideen, die wollen die Welt verbessern, so viele grandiose Ideen und sie schmeißen die Ideen oft weg. Und das werden wir ändern: Wir werden Kinder haben, die ganz anders in die Zukunft gehen, und die auch wirklich was positiv verändern werden da draußen.

LB: Danke für das Gespräch!

Hier geht’s zur Webseite „Wissen schafft Freiheit“ von Ricardo Leppe, auf der er zahlreiche Unterrichtsmaterialien und Videos zur Verfügung stellt.

In diesem Video erklärt Ricardo Leppe die Idee von der Schule der Zukunft – und wie dieses Modell in zwei Schritten umgesetzt werden kann.